Früher Mähzeitpunkt und ungeeignete Mähtechnik verstärken das Insektensterben in Wiesen und Streuobstwiesen

Wie jedes Jahr im Frühling werden derzeit die Mähmaschinen aus dem Winterschlaf geholt und die ersten Mähdurchgänge in unseren Wiesen und Streuobstwiesen gestartet. Bedauerlicherweise wird jedoch oft zu früh gemäht, denn mit der ersten Mahd verschwinden viele Blütenpflanzen, die zahlreichen Insekten im Frühjahr als Nahrungsgrundlage dienen. Außerdem kommen in zunehmendem Umfang nachteilige Mähgeräte zum Einsatz. Mit Rasenmähern, Aufsitzmähern oder Schlegelmulchgeräten werden die Wiesen und Streuobstwiesen kurz gehalten. Die Wiesen verwandeln sich dann vom bunt blühenden Pflanzenbestand zum eintönigen und grasdominierten Rasen. Unbeabsichtigt wird durch eine zu frühe Mahd und durch den Einsatz von ungeeigneter Mähtechnik das aktuell viel diskutierte Insektensterben verstärkt!

Artenreiche, buntblühende Wiesen und Streuobstwiesen bieten Insekten vielfältige Versteckmöglichkeiten und ein umfangreiches Nahrungsangebot. Das Foto von Dr. Qingwei Chen, Gronau zeigt ein Tagpfauenauge beim Blütenbesuch auf der Saat-Luzerne.

Wiesen sind Pflanzengemeinschaften, die aus hochwüchsigen Gräsern und Kräutern bestehen. Sie werden, abhängig von der Bodenfruchtbarkeit, zwei- bis dreimal im Jahr gemäht. Die bestandsbildenden Pflanzen sind an den Rhythmus der Mahd angepasst, d.h. sie können nach dem Mähen rasch wieder austreiben, blühen und fruchten. Die Mahd wird traditionell mit einem Balkenmäher durchgeführt, der einen glatten Schnitt einige Zentimeter über der Stängelbasis der Pflanzen ausführt, so dass diese wieder austreiben können.
 
Die Mahd mit Rasenmähern, Aufsitzmähern oder Schlegelmulchgeräten führt dagegen zu einem tiefer liegenden Schnitt, der die Stängelbasis beeinträchtigt. Außerdem wird der Eingriff wesentlich häufiger vorgenommen, so dass die Pflanzen durch den ständigen Entzug der Blattmasse geschwächt werden. Diese negativen Auswirkungen führen zur Verdrängung der typischen Wiesenpflanzen und zur Förderung weniger robuster Gräser und Kräuter mit niedrigem Wuchs. Die Wiesen verwandeln sich in artenarme Rasen, die Streuobstwiesen werden zu Streuobstrasen. Durch diesen Prozess wird wiederum die Nahrungsgrundlage für bestäubende Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten in ihrer Vielfalt und Menge reduziert! In der Folge sinkt dann auch die Gesamtmenge der blütenbesuchenden Insekten.

Rasen (rechts) bieten im Gegensatz zu Wiesen (links) aufgrund ihrer Gleichförmigkeit und der geringen Höhe kaum Versteckmöglichkeiten für die Tierwelt. Das Nahrungsangebot in Form von Nektar, Samen oder schmackhaften Kräutern ist ebenfalls gering.

Die Tierwelt leidet natürlich auch direkt unter der Mahd mit falschem Gerät. Rotierende Messer bzw. Schlegel zerkleinern nicht nur das Schnittgut, sondern zwangsläufig auch die darin vorhandenen Insekten und deren Entwicklungsstadien.

Die Mahd von Wiesen und Streuobstwiesen sollte mit dem Balkenmäher (links) erfolgen. Herkömmliche Rasenmäher (rechts), Aufsitzmäher oder Schlegelmulchgeräte zerstören beide Lebensräume und sind nachteilig für die Insekten

Doch wozu brauchen wir die Insekten überhaupt? Es fängt schon im Kleinen bei unseren Streuobstwiesen an. Denn ohne die kostenfreie Bestäubungsleistung der Insekten fällt der Obstertrag in unseren Streuobstwiesen deutlich schlechter aus. Weniger Insekten, weniger Obst, weniger Apfelsaft. Deutschlandweit wird der wirtschaftliche Wert der Bestäubungsleistung von Bienen, Wildbienen, Hummeln und anderen Insekten bei Kulturpflanzen auf einen Wert von 2 bis 4 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt! Wie sollte man diese Leistung künstlich ersetzen und was würde es kosten?
 
Lassen wir also die Insekten kostenfrei für uns arbeiten. Doch dazu müssen wir ihnen eine Umwelt erhalten oder gestalten, die ihren Anforderungen entspricht. Wer also einen Beitrag zur Verhinderung des Insektensterbens leisten möchte, der sollte seine Wiesen und Streuobstwiesen nicht vor Mitte Juni mähen. Außerdem sollte die Mahd in traditioneller Weise mit dem Balkenmäher durchgeführt werden.
 
Sollten Sie Fragen zu diesem Thema haben, wenden sie sich montags oder dienstags während der Sprechzeiten an das Bürgermeisteramt Oberstenfeld (Zimmer 80, Tel.: 261-36). Der Ökologe Herr Dr. Grunicke steht Ihnen für Auskünfte gerne zur Verfügung.